FAZ KUNSTFORUM TAGUNG

Meinung: FAZ-Veranstaltung verfehlt Digitalisierung

28. November 2015 - Allgemein

Das zur FAZ gehörende Frankfurter Allgemeine Forum lud am 26. November 2015 wieder zur Kunstkonferenz nach Berlin. Das diesjährige Thema lockte auch mich, denn es ging um Digitalisierung – Kunst, Museen und Markt mit dem vielversprechenden Untertitel: Bleibt alles anders? Ein Lagebericht.

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Nicht nur der Titel der Konferenz ist vielversprechend, sondern auch der Preis. Eine Tagungsgebühr von 750 Euro (!) ist nicht jedermanns Sache. Zum Glück dürfen Kultureinrichtungen zum ermäßigten Preis von 150 Euro dabei sein. Und so überrascht mich der Altersdurchschnitt von 50plus nicht. Der Vortragssaal im schönen Café Moskau ist voll. Die Herren sind in der Überzahl. Sie tragen pflichtbewusst Krawatte.

Es gibt kein Wlan. Aufreger Nummer eins.

Kein Wlan auf einer Fachtagung, die Digitalisierung diskutiert? Damit hätte ich nicht gerechnet. Nach kurzer Zeit ist das mobile Internet meines Handys verbraucht, während ich versuche, die ersten Tweets und Twitterer zur Veranstaltung zu finden.

Es gibt keinen offiziellen Hashtag und auch keine nützlichen Reaktionen der Veranstalter @FAZ_forum, die über Retweets hinaus reichen. Aufreger Nummer zwei.

Ich spüle in der Pause meinen Frust mit Kaffee hinunter und treffe die ersten (jungen) bekannten Gesichter. Zwei Vorträge liegen hinter mir und mich lässt das ungute Gefühl nicht los, auf einer Zeitreise in die Vergangenheit zu sein.

Vor mehr als drei Jahren habe ich an meiner alten Hochschule eine Tagung zum Thema „Social Media im Museum“ organisiert. Damals erklärten wir „Jungen“ den „Alten“ Facebook und Co. Wir sprachen über Wohl und Übel, Chancen und Risiken. Es war schon damals unangenehm, digitale Medien mit zwei Kategorien beschreiben zu wollen. Aber es war die einzige Möglichkeit, die vielen Skeptiker aus den Museen mit an Board zu holen und zum Diskutieren zu bringen. Auf Augenhöhe schafften wir es kaum. Twitter im Museum? Das kann doch der Praktikant.

Ich dachte tatsächlich, in den Führungsriegen der Kulturinstitutionen wären diese Zeiten längst überwunden. Nun zweifle ich.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu denen auch die Staatlichen Museen zu Berlin gehören, zählt zu den ersten Referenten. Er trägt brav vor, wo seine Institutionen digitale Medien benutzen. Vorzeigeprojekte wie 3D-Scanner und digitale Archive sind besonders beliebt. Er spricht nicht darüber, dass die Staatlichen Museen aufgrund von Personalmangel ihren Twitter-Account stillgelegt haben. Nur am Rande erwähnt Parzinger, dass sich die Aufgaben eines Museums verändern: Die Aufgaben wachsen, aber nicht die Budgets. Jetzt wird es spannend. Heißt das für alle mehr Arbeit, weil es jetzt digitale Medien gibt? Oder heißt das einfach nur, dass Aufgaben neu definiert werden müssen? Dem Publikum bleibt keine Zeit, Fragen zu stellen.

Der Begriff Digitalisierung bleibt vage, eine hohle Phrase. Digitalisierung – als digitale Erfassung vom materiellen Objekten – vermischt sich mit webbasierten Anwendungen und digitaler Kommunikation.

Die Künstlerin Lynn Hershman Leeson zeigt ihre digitale Kunst und welche Probleme sie hat, diese für die Zukunft zu speichern. Wendy Woon vom MoMa stellt die ausgezeichnete Education-Arbeit ihres Museums vor. Wen hätte es überrascht – sie bieten dank ihres großzügigen Sponsors Volkswagen auch hochwertige Online-Kurse an. Danach darf Laurent Gaveau von Google ran und erzählt, wie toll doch das Google Art Institute ist. Eine schöne, unkritische Leistungsschau. Es bleibt oberflächlich, selbstdarstellerisch. Da wo die interessanten Fragen auftauchen, fehlen die klugen Antworten. Als Googles Kunstengagement kritisch hinterfragt wird, ist Laurent Gaveau schon längst wieder weg.

Danach darf sich ein Mitarbeiter einer großen Versicherungsgesellschaft mit einem Vortrag zu Wort melden. Er beginnt mit der Frage, ob wir in Zukunft überhaupt noch Kunstversicherungen brauchen. Ist das eine rhetorische Frage? Ich fühle mich fremd. Als existiere tatsächlich eine digitale Welt, die langsam unsere gute, alte, analoge zersetze.  DAS Internet als Buhmann. Ein Schritt vor, zwei zurück. Der tröstende Kommentar von Inka Drögemüller vom Staedel Museum in der anschließenden Panel-Diskussion konnte dann auch nichts mehr retten. „Alles was wir digital machen, haben wir im analogen Museum gelernt.“

Und so überrascht es nicht, dass Ivo Wessel während des gesamten Nachmittags als Exot gehandelt wird, weil er als Programmierer lieber Papierbücher als einen Ebook-Reader in den Händen hält. Verrückt.

Als Höhepunkt der Tagung holen die Veranstalter Martin Roth auf die Bühne, den Leiter des Victoria and Albert Museum in London. Der vielbeschäftigte Museumschef erwähnt etwas gelangweilt im Nebensatz, dass doch mit dieser Polarisierung endlich Schluss sein müsse. Er leitet eines der erfolgreichsten Museen der Welt. Klar, dass das für ihn ein alter Hut ist. In London fragt niemand mehr, ob digitale Medien nun gut oder schlecht sein.

Warum brauchen deutsche Köpfe dazu nur solange? Warum reden wir nicht endlich über fehlende Qualität, mangelnde Kommunikation, unzeitgemäße Stellenprofile, schlechte Vergütungen oder hierarchische Strukturen in Museen?

Diese Veranstaltung macht eine traurige Entwicklung sichtbar: Es gibt Menschen, die haben neue Medien in den vergangenen 15 Jahren einfach ausprobiert. Sie wissen bis heute, was ihnen gefällt und was nicht, was sinnvoll ist und was Zeitverschwendung. Sie nutzen das, was für sie Relevanz besitzt und sie sind in der Lage, aktuelle Entwicklungen zu beobachten und zu bewerten. Und dann gibt es die anderen. Diejenigen, die 15 Jahre lang einfach nur zugeschaut haben. Diejenigen, die ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen belächeln und immer wieder betonen, dass sie für „solche“ Dinge wie Social Media ja selbst gar keine Zeit hätten. Für diese Menschen brachte die FAZ-Veranstaltung sicherlich noch Neues zutage. Für all die anderen wie mich bleibt die Frage, wie unsere Museumsarbeit ihr Potential entwickeln soll, wenn die Entscheiderinnen und Entscheider insgeheim noch immer die Hoffnung hegen, das Internet würde bald wieder abgeschafft werden? Die Schonfrist ist vorrüber, die Medienschelte vorbei.

Bleibt also alles anders? Es bleibt wie es ist. Es gibt keine dichotome Welt, die sich in analog und digital spalten lässt. So einfach ist es nicht. Wir müssen über Medien reden und darüber, wie wir sie clever, effektiv und wirkungsvoll einsetzen können.